Serbien: Heisses Pflaster in Belgrad

Belgrad ist heiß. Die Hitze ist allgegenwärtig; Asphalt und Hauswände werfen sie zurück, multiplizieren sie und speichern sie bis tief in die Nacht. Doch wer der Hitze trotz, erlebt eine pulsierende Metropole voller Vielfalt und Geschichte.

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Serbien: Heisses Pflaster in Belgrad

Belgrad ist heiß. Die Hitze ist allgegenwärtig; Asphalt und Hauswände werfen sie zurück, multiplizieren sie und speichern sie bis tief in die Nacht. Die rund 1,3 Millionen Belgrader haben sich darauf eingestellt, an jedem Haus kleben dutzende Klimaanlagen deren Kondenswasser ungehindert auf die Straße tropft - fast wirkt es, als würden die Häuser selbst unter der sengenden Sonne schwitzen. Sicherlich kein Ort, an den man sich freiwillig begibt und noch weniger einer an dem man bleiben will. Oder?

Nach drei Tagen in der serbischen Hauptstadt ist mir klar: Das Gegenteil ist der Fall! Wer sich einmal in die pulsierende Metropole getraut hat, will nie wieder weg - und wenn das schon nicht geht, zumindest so oft wie möglich wiederkommen. Hinter jeder Straßenecke wartet eine Überraschung, ein Ort, der nur darauf wartet, von den noch wenigen reiselustigen Touristen aus Europa entdeckt zu werden. Das anfangs undurchsichtige Chaos aus kyrillischen Straßenschildern beginnt, sich im Kopf zu einem Grundriss der Stadt zusammenzufügen - und wer der Hitze trotzt, wird mit serbischer Lebensfreude, Gastfreundschaft und einer endlosen Flut von Eindrücken aus der Kultur des ehemaligen Vielvölkerstaats Jugoslawien belohnt.

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Unterwegs in Serbien: BelgradKabinet Brewery
Unterwegs in Serbien: BelgradNeu-Belgrad
Unterwegs in Serbien: Belgrad

Sind wir nicht alle ein bisschen Tesla?

Dessen Geschichte, wie sollte es anders sein, prägt Serbien bis heute - und zwar sowohl in der Wahrnehmung der heimischen Bevölkerung als auch in der Wahrnehmung von außen. Als ich meiner bosnischen Kollegin von meinen Reiseplänen erzähle, rümpft sie pikiert die Nase. Serbien! Ich ernte einen verächtlichen Blick und meine Sympathiewerte stürzen in den Keller. Ich bin nur froh, dass ich ihr gegenüber nicht erwähne, dass ich zuerst dachte, sie käme aus Serbien. Denn offen gesagt habe ich keine Ahnung. Ich muss nachsehen, ob Serbien Teil der EU ist (es ist nicht), ob man einen Reisepass braucht, um einzureisen (man braucht nicht) und selbst wo Serbien auf der Landkarte liegt, muss ich erst einmal bei Google Maps überprüfen (Fairerweise muss dazu sagen, dass meine geographischen Kenntnisse sehr begrenzt sind, mir ist zum Beispiel erst aufgefallen, dass Abu Dhabi aus unserer Richtung vor Thailand liegt, als ich mal dorthin geflogen bin. Aber für alle, denen es ähnlich geht: Serbien liegt in etwa zwischen Ungarn und Griechenland, rechts von Kroatien beziehungsweise links von Bulgarien - falls das hilft.). Aber es ist nicht das erste Mal, dass ich ein Land bereise, über das ich außer dem Namen eigentlich gar nichts weiß, daher beunruhigen mich meine Wissenslücken nicht - wer nichts weiß kann schließlich umso mehr lernen. Und das tue ich.

Man erreicht Belgrad über den Nikola-Tesla-Flughafen (und kann hier die Emissionen ausgleichen um das Gewissen zu beruhigen) und nimmt von dort aus ein Taxi am besten ein Taxi (1.800 Serbische Dinar = ca. 16 Euro, 2019) um ins Stadtzentrum zu gelangen. Obwohl der berühmte Erfinder und Physiker eigentlich im heutigen Kroatien geboren wurde und niemals in Belgrad gewohnt hat, vereinnahmt ihn die Stadt für sich, denn neben dem Flughafen gibt es auch ein Nikola-Tesla-Museum, in dem seine Urne steht und sogar vom 100-Dinar-Schein blickt er einen in nachdenklicher Pose an. Vermutlich weil er notorisch knapp bei Kasse war, aber das ist eine andere Geschichte.

Unterwegs in Serbien: Belgrad
Unterwegs in Serbien: Belgrad
Unterwegs in Serbien: BelgradMarkuskirche

Serbisches Feuerwerk in den 90ern

Zurück zu Belgrad: In den Neunzigerjahren war die Stadt Teil der “Three B’s”, der drei gefährlichsten Städte der Welt - Belfast, Belgrad und Bagdad. Während in Belfast die Gefahr allerdings von innen durch die Anschläge der IRA ausging, hat sich Belgrad die zweifelhafte Ehre einer Platzierung auf der kurzen Liste durch eine Gefahr von außen verdient, nämlich durch das Bombardement der Stadt durch die NATO im Jahr 1999, bei dem zahlreiche Gebäude der Stadt zerstört wurden. Unser Guide Simon beschreibt die Zeit:

“At first, you’re really scared, because, well, you’re in a war. But after a few days it becomes quite normal. In the morning you would hear on the radio which buildings are about to be bombed and then look for a place on the rooftops nearby from where you can have a party and see the fireworks.”

Diese Art von Galgenhumor ist typisch für das Serbien, das ich erlebe. Wenn Serben das berechtigte Gefühl haben, alles liefe schief, trinken sie ein Bier, rauchen eine Zigarette und machen das Beste daraus. Das gilt auch für Simon, der uns auf einer Fahrradtour Stadt und Geschichte näher bringt. Als Kind erlebte er die jugoslawische Hyperinflation (das Angesicht von Nikola Tesla prägte zeitweise einen Geldschein mit dem sagenhaften Wert von 10 Milliarden Dinar - für den man sich allerdings nicht einmal ein Brot kaufen konnte), hat ohne jemals aus Belgrad wegzuziehen durch die mehrfache Neu-Organisation von Ex-Jugoslawien bereits in vier unterschiedlichen Ländern gelebt und wurde während seiner Zeit als politischer Studentenführer sowohl vom Staat belästigt als auch von rechten Hooligans verprügelt - trotzdem sieht man ihn kaum je ohne ein Lächeln auf dem Gesicht. Was allerdings nicht heißt, dass der ehemalige Aktivist auch nur für eine Sekunde seinen politischen Biss verloren hätte. Unverblümt erzählt er uns zum Beispiel, dass der amtierende serbische Präsident unter Milošević als Informationsminister ausländische Fernsehsender verbot und kritische Journalisten drangsalierte.

Unterwegs in Serbien: Belgrad
Unterwegs in Serbien: Belgrad

Vergangen, vergessen

Überhaupt drängt sich gelegentlich der Eindruck auf, dass Serbien den Zusammenbruch Ex-Jugoslawiens und die Nachwirkungen der daraus resultierende Kriege noch nicht vollständig überwunden und vor allem niemals richtig aufgearbeitet hat. Vor dem nationalen Parlament hat eine NGO riesige Plakate aufgehängt, die an die serbischen Opfer der UÇK erinnern sollen. Das als Völkermord klassifizierte serbische Massaker an 8.000 Bosniaken in Srebenica wurde hingegen in den Medien relativiert oder überhaupt nicht erwähnt. Auch an das ehemalige KZ vor den Toren der Stadt, in dem unter den Nazis tausende Juden und Widerstandskämpfer ihren Tod fanden, erinnert nichts außer einer hinter hohem Gras versteckten Gedenktafel. (Später lerne ich, dass es auf dem Gelände der nahe gelegenen Militärkaserne ein Museum gibt, das allerdings lange Zeit nicht der Öffentlichkeit zugänglich war.)

Die politische Situation in Serbien (mehr dazu in meinem kommenden Interview mit Simon), der für Deutsche seltsam erscheinende Umgang mit der eigenen Geschichte und das historische wie kulturelle Erbe des Vielvölkerstaats sorgen dafür, dass sich Belgrad manchmal wie eine Stadt im Schwebezustand anfühlt, die noch nicht weiß, welche Richtung sie einschlagen soll: Die in die Vergangenheit, mit vermeintlich “starken” politischen Führern, die nach eigenem Ermessen schalten und walten, oder die in die Zukunft, in der das eigene Erbe reflektiert und die Unterschiede zwischen Menschen respektiert werden und der Staat dem Volk dient, statt anders herum.

Unterwegs in Serbien: BelgradKC Grad

Für den Aufbruch Richtung Zukunft fühlen sich in Belgrad vor allem die Künstler verantwortlich. Einen Einblick in die Gegenkultur der Street Art-Szene vermittelt uns Dusan, der von Kindesbeinen an auf Häuser und Brücken sprayt. Wie Simon steckt er voller Lachen und erzählt von den Anfängen der serbischen Street Art zu Kriegszeiten. In dieser Zeit hatte der Staat andere Sorgen, als sich um Graffitis zu kümmern und man konnte als Sprayer problemlos Eisenbahnbrücken verzieren und dabei den Reisenden im Zug zuwinken, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Überhaupt scheint sich mit dem Zusammenbrechen der Milošević-Regierung die Bahn für für ein freieres, künstlerisches Belgrad gebrochen zu haben. Nach jahrelanger Unterdrückung ist die serbische Kunst-Szene in Belgrad explodiert und vieles davon findet auf der Straße, in Kulturzentren wie dem KC Grad oder in kleinen Galerien statt, die man häufig erst erst auf den zweiten Blick entdeckt, nachdem man vorher mehrfach achtlos an ihnen vorbei gelaufen ist.

Im Belgrader "Design District" wird dabei deutlich, wie transformativ die künstlerische Auseinandersetzung für die Hauptstadt sein kann. Igor, einer der Ladenbesitzer im District, erklärt uns, dass die Gegend vor einigen Jahren noch komplett heruntergekommen war. Doch dank günstiger Mieten siedelten sich immer mehr Design-Läden, Boutiquen und Künstler an. Heute stellen mitten im Herzen von Belgrad unterschiedlichste Künstler alle möglichen Produkte von schicken Klamotten über handgemachten Seifen bis zu Keramik-Tellern mit einer Kombination aus Misfits-Logo und serbischen Stickmuster aus.

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Unterwegs in Serbien: BelgradKC Grad
Unterwegs in Serbien: Belgrad
Unterwegs in Serbien: Belgrad

Die Belgrader Kieze

Das ist typisch für Belgrad, das im Gegensatz zu den meisten europäischen Städten nicht über eine klassische “Altstadt” verfügt. Zwar ist die Gegend um die Belgrader Festung durch Einkaufsstraßen, Restaurants und Bars geprägt und geht problemlos als lebhaftes und besuchenswertes touristisches Zentrum durch - ein Altstadt-Gefühl wie in Barcelona, Budapest oder Prag stellt sich allerdings nicht ein. Wie das ehemalige Jugoslawien ist Belgrad eher eine Art Flickenteppich, dessen Muster sich aus den unterschiedlichen Stadtvierteln ergibt: Im Norden findet man mit Dorćol einen Hotspot für Bars, Nachtleben und Hipster aus aller Welt, in dem tagsüber die Belgrader Studenten einen Kaffee trinken und zahllose Zigaretten rauchen (sowohl draußen als auch drinnen, Serbien ist kein Ort für fanatische Nichtraucher). Hier ist auch die letzte verbleibende Moschee von Belgrad, direkt um die Ecke der besten Eisdiele des Balkans namens Crna Ovca.

Unmittelbar an den Süden angrenzend kommt man in das Skadarlija-Viertel, in dem sich Restaurant um Restaurant an das historische Kopfsteinpflaster reihen und man im Licht der Laternen von traditionell gekleideten serbischen Musikern besungen wird (Serben singen mit, Touristen genießen die Show und geben Trinkgeld). Weiter im Süden geht man am Parlament vorbei in den Tašmajdan-Park mit der serbisch-orthodoxen St.-Markus-Kirche im Neobyzantinischem Stil, einem beeindruckenden Gotteshaus in dem man mit Glück einen der weihrauchschwangeren und mysteriösen orthodoxen Gottesdienste erleben kann (gegen 16 Uhr da sein). In der Hitze verschmelzen die vielen Gesichter Belgrads dabei zu einem einzigartigen Eindruck von pulsierendem Leben, das sich Gästen aus aller Welt gegenüber von seiner besten Seite zeigt. Zwar verstehen selbst erfahrene Belgrad-Besucher keinen einzigen serbischen Straßenbahnplan, aber hat man sich einmal an den Rhythmus der Großstadt gewöhnt, fließt der Besuch von einem Erlebnis in das nächste und die Tage vergehen wie im Flug, ohne dass man auch nur einen kleinen Teil der Stadt jemals ganz kennengelernt hätte.

(Unterhalb der Fotos findet ihr Tipps für Belgrad.)

Unterwegs in Serbien: Belgrad
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Dieser Artikel ist im Rahmen einer von der Nationalen Tourismusorganisation Serbien unterstützten Bloggerreise entstanden. 


Tipps: Das Beste aus Belgrad

Smokvica B&B und Restaurant
Das Smokvica findet sich gleich zweimal in Belgrad, einmal im lebhaften und zentralen Dorćol, einmal im ruhigeren Vračar, in der Nähe des Tašmajdan-Parks und der St.-Markus-Kirche. Das B&B ist liebevoll eingerichtet, die Räume sauber und ordentlich wenn auch etwas unspektakulär. Angeschlossen ist jeweils ein Restaurant, das jeden Abend (auch unter der Woche) sehr gut besucht ist und neben einem leckeren Abendessen vor allem ein hervorragendes und reichhaltiges Frühstück bietet.

Molerova 33, Vracar, Belgrad, Serbien
Gospodar Jovanova 45a, Dorcol, Belgrad, Serbien

Eisdiele Crna Ovca

Im “schwarzen Schaf” gibt es das leckerste Eis Belgrads und vermutlich des ganzen Balkans. Belgrad ist voller Eisdielen, die man unmöglich alle ausprobieren kann - allein die Vielzahl exotischer Eis-Sorten von Sesam-Kaffee bis Rikotta-Käse mit Honig rechtfertigt allerdings den Besuch von Crna Ovca, der sich leicht mit einer Besichtigung der einzigen noch erhaltenen Moschee in Belgrad verbinden lässt.

Kralja Petra 58, Belgrad 11000, Serbien

Rad-Guide Simon Simonović
Der ehemalige Polit-Aktivist Simon bietet eine sorgfältig geplante Belgrad-Tour auf dem Fahrrad an. Belgrad ist mit Sicherheit keine Fahrrad-Stadt, dennoch ist dank Simons Routenplanung eine entspannte Tour möglich, auf der man innerhalb kurzer Zeit viel von der Stadt sehen und vor allem viel über die bewegte jüngere Geschichte Belgrads erfahren kann. Touren können nach eigenen Wünschen angepasst werden (zum Beispiel mit einem Abstecher nach Neu-Belgrad mit den sehenswerten brutalistischen Plattenbauten), die Abholung erfolgt im Hotel.

Kontakt per E-Mail: simon.bg@hotmail.com

Restaurant Ada Safari
Das Ada Safari verdankt seinen Namen dem gleichnamigen See direkt am Restaurant, aus dem zumindest einige der Zutaten für die hervorragenden Fischgerichte stammen. Etwas außerhalb gelegen, kann man ein Abendessen gut mit einer Besichtigung von Neu-Belgrad verbinden. Besonders empfehlenswert ist die geräucherte Forelle (Smoked Trout), auch der Stör (Sterlet) ist sehr lecker. Achtung: Küche schließt bereits um 19 Uhr.

KC Grad
Ob es das KC Grad in ein paar Jahren noch geben wird ist unsicher, da der gesamte Uferbereich der Sava im Rahmen des umstrittenen “Belgrade Waterfront Project” ausgebaut wird. Offiziell ein Kulturzentrum, finden im KC Grad am Wochenende Konzerte, Filmvorführungen und weitere Aktivitäten statt. Im oberen Bereich gibt es eine Galerie mit zweiwöchig wechselnden Ausstellungen, im unteren Bereich ist eine Bar mit einem großen Außenbereich im Innenhof.

Braće Krsmanović 4, Belgrad 11000, Serbien

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